Treibhaus // 2004
Foyer
Zwölf astronomische Lithosteine aus dem 19. Jahrhundert, auf dem Boden liegend, die Bildseite nach oben gekehrt. Die im Kreuzraster verteilten schwarzen Punkte zeigen kartografierte Himmelsausschnitte, ins Negativ verkehrte Bilder von Sternengruppen. Der Kosmos, der Himmel als abstraktes naturwissenschaftliches Bild.
Die Objekte liegen da wie kompakte Gesetzestafeln, monumentale Komprimierung in Stein, materieller Kontrapunkt zur Unendlichkeit des Kosmos, von welchem die Steine nur ausschnitthafte Bildzitate zeigen.
Großer Raum
Vier monumentale Quader aus transparenter Kunststofffolie, die sich vertikal zwischen den rechteckigen Oberlichtern und deren Projektionen auf dem Boden spannen. Auf Kniehöhe ist in jedem Quader eine Membran aus feinerer Kunststofffolie so fixiert, dass der immaterielle Eindruck einer Bettstatt entsteht. Die im satten Parabelbogen hängende und bei jedem Luftzug vibrierende Haut steht im Kontrast zur stoischen Strenge der vertikalen Lichträume.
Aus jedem Quader tritt unter dem “Fußende” des Lagers ein transparenter Schlauch heraus, die Ausflüsse vereinigen sich zu einem System, welches im Topf einer seitlich abgestellten Bananenstaude mündet, welche als einzige Pflanze zum Inventar des Künstlerforums gehört. Die vertikalen Körper oszillieren im Ausdruck zwischen sakralen Monumenten für den Himmel als lebensspendenden Lichtraum und einer klinischen Pflegestation.
Die Patientin ist die Pflanze, die als verloren wirkender aber realer Lebensorganismus auf spärliche und gleichzeitig derb-konkrete Weise durch ein Lichtinfusionssystem verbunden ist mit dem raumgreifenden Abbild ihres kosmischen Umkreises, ihrer Sphäre, ihres Himmels.
Empore
Der Raum ist in seiner Länge geteilt durch eine Fläche aus Kunststofffolie. Profane Objekte – Stühle, ein Zaun, eine Bierkiste, ein Besen, eine Topfpflanze stehen entlang der Folie und scheinen sich darin zu spiegeln. Das Arrangement, quasi ein Zitat eines Vorgartenidylls, wird jenseits der Folie durch entsprechende Pendants zu einem symmetrischen Bild ergänzt.
Die Spiegelillusion entlarvt sich ihrerseits als Illusion dadurch, dass der Betrachter selbst ohne Spiegelbild bleibt. Nachdem im Foyer der Himmel als abstraktes Negativbild auf dichtem Stein erschien und im Hauptraum als prozesshaftes Stimmungsbild, welches im engsten Wortsinne geerdet war, erlebbar wurde, verwirktlicht er sich hier auf zunächst vertraute Art in Form des privaten Paradieses auf dem Balkon, im Vorgarten. Formal bleibt einzig die Symmetrie als bescheidene Reminiszenz kosmischer Ordnung. Sie ereignet sich allerdings auf eine Weise, die eine Frage in der Wahrnehmung aktualisiert, welche seit jeher philosophische Gemüter bewegt hat: Sehen wir die Dinge oder nur ihr Abbild? Haben wir Zugang zum “philosophischen Himmel”, zur Welt der Ideen in den Dingen, hinter den Dingen, jenseits der Dinge?
Während es im Hauptraum eine Pflanze war, die das Bild ins System brachte und an physische Funktionen andockte, ist es hier eine Pflanze, die – für einen Augen-Blick – das feste System zu durchbrechen, zu lösen scheint: sie ist das einzige Objekt, das die Spiegelebene durchdringt, scheinbar nur einfach vorhanden ist, doch auch sie erweist sich als gespiegelt-reales Miteinander zweier Hälften. Und sie ist nicht echt…